Kritiken

Bereits sein erster Roman brachte Richard national wie international hervorragende Kritiken. Eine Auswahl von Kritiken in englischer Sprache finden sie auf dieser Seite. Um diese vollständig zu lesen, klicken Sie bitte am Ende des jeweiligen Textabsatzes auf [mehr].

 

Succinum

Bernstein - vollgesogen mit der Last der Zeit und der Geschichte. Harztränen von Bäumen, über zehn Millionen von Jahren zu einem Gebilde geformte Emotionen – ähnlich einem Stein. In seiner Beschaffenheit stets mehr geprägt vom flüssigen (fluviales) als vom angeschwemmten (alluviales) Element um es herum. Ein träge daher fließender Fluss aus Pflanzensaft, voll von vergangenem Leben und Erinnerungen, innerlich träge und vollkommen unberührt in seinem Wesen, gleich dem Kern einer Frucht.

Im Gegensatz zu Fossilien, welche vollständig eingeschlossen sind im kalten, harten Innenraum ihrer versteinerten Ummantelung, erstrahlen Bernsteininklusen in den unterschiedlichen Schattierungen von Rot-, Orange- oder Gelbtönen, ganz so als würde ein ihnen geneigter Röntgenstrahl sie auf ewig durchleuchten.

Fünf solcher Kugeln aus Bernstein, unterschiedlich in der Größe - von der verdorrten Weintraube bis zur vollreifen Pflaume - und von der Farbe an geronnenes Blut erinnernd. So erbte ich sie - nach dem Tode meiner Mutter. Eingebettet in einen dunkelblauen, samtenen Beutel und verschlossen mit einer schwarzen Gardinenschnur. Sie hatte sie ihrerseits geerbt, von ihrer Mutter, der dunkeläugigen Miriam, welche in Treblinka starb, noch bevor meine Mutter vierzehn Jahre alt war.

Die Bernsteinkugeln meiner Mutter, obwohl sie keine Einschließungen in ihrem warmen Inneren aufbewahren, enthalten - neben ihrem seidigen Glanz und ruhigen Schimmer - einen reichen Vorrat an Leben.

Fünfundsechzig Jahre später vermag ich mir nur vorzustellen, wie meine Großmutter die Perlenkette dereinst getragen hat. Wieviele Perlen sich ursprünglich einmal an jenem zartgliedrigen Band befunden haben, bevor es auf seiner langen Reise in meine Hände zerriss und eine unbestimmte Anzahl von ihnen für immer verloren gingen. Wie die Strahlen der Sonne, nur gefiltert von den die Jalousien ihres Apartments, diese gebräunt hatten.

Wie meine Mutter sich an ihnen festhielt auf ihrer Reise nach England, sich aus ihren Hände ergießend gleich lodernden Feuerstellen als sie an jenem Morgen ankam, im Alter von acht Jahren, ganz allein und ohne auch nur ein Wort Englisch zu sprechen. Ein völlig neues Zuhause, mitsamt einer ihr neuen Sprache. Und all dies weit entfernt von jenen, die sie kannte.


Harwich ist einer jener Orte, die stets mehr als Ausgangspunkt des Abschieds, denn als Ort der Ankunft angesehen werden. Ein Ort bewegter Lebewohls an kalten Schiffsanlegern mitsamt den dazugehörigen Fisch-und-Chips-Mahlzeiten kurz vor der tränenreichen Einschiffung auf einem der Fährschiffe mit Ziel holländische Küste oder Norddeutschland. Harwich war der Landungssteg meiner Mutter in ihr neues Leben, nach einer langen nächtlichen Bootsüberfahrt von Holland, fortgetragen auf den Wellen der Müdigkeit, der Dunkelheit und des Verlusts. Ohne die Geborgenheit der Einschlaflieder Ihrer Mutter in dieser Nacht und nur gewärmt von den Bernsteinkugeln in ihrer Tasche.

Dazu ein Satz Silberbesteck - Messer, Gabel und Löffel - eingebettet in ihren Rucksack wie eine Art Universalwährung. Ihre Mutter hatte diese zuvor selbst von einer anderen Familie, in deren Name die Initiale „H“ vorkam, erhalten, bevor diese in ein Konzentrationslager deportiert wurden. Ich esse mit diesem Besteck bis heute, stets die scharfe Erschütterung des Metalls verspürend, wenn ich mich zu sehr in diese Erinnerungen verbeisse, welche nicht die meinen sind

Eine Krisen-Sonderbesteuerungsabgabe wurde erhoben auf den Import von Wollstoffen in die Republik Irland welche verordnete:

„Eine Besteuerung in Höhe von 45 Prozent des Gesamtwarenwertes ist zu erheben, einzuziehen und zahlbar auf alle der nachfolgend genannten Artikel die importiert worden sind am oder nach dem 26. Tag des Monats Juli 1939, welche da sind: alle Webstoffe (welche nicht als Bodenbelagsstoff dienen) vollständig oder in Teilen aus Schurwolle oder Kammgarn hergestellt sind und welche a) in ganzen Stücken und b) entweder i) nicht mehr als fünfzig Inches in der Breite or ii) weniger als fünfzig Inches in der Breite und keinen oder nicht mehr als einen umwebten Saum besitzen und c) deren Gewicht weniger als sieben Unzen, aber nicht weniger als fünfeinhalb Unzen pro Quadratyard beträgt und d) deren Wert nicht weniger als ein Shilling und Sixpence pro Quadratyard beträgt und welche e) nicht anderweitig der Besteuerung unterliegen.“

Der Import meiner Mutter war hingegen mit einer gänzlich anderen Abgabe belegt: dem Pflichtsoll auf Erinnerung an ihre Familie, der Zwangsverordnung der Trennung, erhoben durch den unbarmherzigen Lauf der Geschichte, der um sie herum vor sich ging.

Die Webkante: Randbereich eines Stoffes der bearbeitet ist, damit er sich nicht auftrennt oder Grenzverlauf von gegensätzlichen Materialien oder Materialien unterschiedlicher Beschaffenheit entlang einer Stoßkante, gedacht um abgetrennt zu werden oder etwas zu verbergen.

In einem anderen Teil der Welt, in Österreich, erhielt Franz Schütter, geboren in Linz am 30. Mai 1920 und Sohn eines Pförtners am 26 Juli 1939 den Wehrpass zweiten Grades durch das Wehrbezirkskommando Linz, Teilabschnitt Wehrkreis XVII, Dienstnummer Linz. a. d. D. 20/1/54/9. Er könnte es gewesen sein, der meine Großmutter mit einer einzigen Kugel in den Kopf tötete oder die Maschine in Gang setze, welche die Dieselabgase in die Gaskammer pumpte.

Er könnte es aber auch gewesen sein, der das Leben von einhundertsiebenundzwanzig Juden rettete, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, in der Nähe von Krakau im August 1940 in einem unbekannten Akt von Heroismus und Menschlichkeit, bevor er unbemerkt in die Geschichte einging.

Für Mineralogen ist Bernstein ein Granat, ein Succinit von bernsteingelber Farbe, hergeleitet vom lateinischen Wort succinum. Ich zeichne Ihnen hierbei das Bild eines Tages bestehend aus einem Zufall, eines beliebigen Ereignisses in einem langen heißen Sommer kurz vor Kriegsbeginn. Gleich einer Biopsie, eine Probenentnahme aus dem Gewebematerial der Geschichte, ein eingekapselter Abriss der Ankunft meiner Mutter aus Deutschland. Ich kenne nichts als die reinen Fakten.

Bernstein

Es wird oft gesagt, dass die eigenen Wurzeln einen verankern, aber sie können einen ebenso entwurzeln und abdriften lassen. Meine Mutter verlor ihre Religion an das englische Internat, welche sie als Flüchtling im Schoß seiner christlichen Erziehung aufnahm. Sie verlor ihren deutschen Akzent und erhielt einen neuen Satz Vokale und Vokabeln, Verhaltensweisen und Glaubensgrundsätze. Der christliche Weihnachtsbaum ersetze bald die Hannukah-Kerzen und ihre Mutter hatte die Tochter, die sie kannte, schon verloren zu der Zeit als meine Mutter durch das Rote Kreuz von ihrem eigenen Verlust erfuhr, im Jahre 1944.

Und so, mit Augen, dunkel und tief wie unergründliche Quellen, sich selbst das Recht versagend, sich offen und ohne falsche Scham zu ihrer Vergangenheit zu bekennen. Ihre stetige Weigerung, ihr wortkarger Wandel auf ihrem Lebensweg in ihrem Adoptivland machten es ihr schwer und die Leute erst darauf aufmerksam, dass sie von „anderswo“ her stammte und dass sie eine andere Geschichte zu verbergen suchte. Die meisten dieser Leute wussten nur nicht, wo dieses „anderswo“ war.

Meine Mutter heiratete christlich- und ich wurde getauft, genau wie meine drei Brüder vor mir. Während wir aufwuchsen, wussten wir nicht welche Fragen wir ihr stellen sollten. Die Geschichte meiner Mutter war so weit entfernt wie dunkle Seite des Mondes.

Welches Kind gewinnt wohl eine Vorstellung von seinen Wurzeln, von dem Saatkorn aus dem es entsprungen ist, wenn seine Eltern stets danach streben es vor ihm zu verheimlichen und vor ungewollter Enthüllung zu verbergen? Ich wuchs auf, neugierig wie jeder andere Junge meines Alters, spielte in Bächen, schoss mit Fußbällen und grub Maulwurfhügel aus.

So wurde mir erst spät bewusst, dass der Mond neben seiner hellen Seite stets auch eine dunkle besaß – und erst später wurde mir auch klar, dass dem mir bekannten Was-War –Universum ein ganzes Was-Wäre-Wenn-Paralleluniversum gegenüberstand: ein jüdisches Element, dass in meiner Familien ebenso existierte, wie die typisch englisch-höfliche Wesensart meines Vaters - eine latente Andersartigkeit, die - einem Gegengewicht gleich - ausgleichend wirkte auf unsere bestehende, innerfamiliäre Schwäche.

Besteht Identität aber auch in einem eigenen komplexen Zusammenspiel von unperfekten Bruchstücken? Tatsächlich war meine Mutter Halb-Jüdin, obwohl sie den vollen Preis dafür bezahlte. Ihr Vater war Deutscher und hatte nur eine kurze Affäre mit ihrer Mutter, Miriam. Ursprünglich der Liebhaber ihrer Schwester Ida, welche aber noch in ihren Zwanzigern verstarb, wandte er sich nach deren Tod dann Miriam zu. 1931, kurz bevor meine Mutter geboren wurde, ging mein Großvater mütterlicherseits nach Amerika und ließ nie wieder etwas von sich hören.

Neben Ida und Miriam, gab es meine andere Großtante, Hedwig, und meine beiden Großonkel Albert und Isy. Deren Eltern, Lajzer Pinkus Bernstein and Perla Fajga Wermund heirateten 1897 und zogen von Lodz, welches heute zu Polen gehört, damals aber ein Teil von Weissrußland war, im Jahre 1910 nach Wuppertal-Elberfeld, in der Nähe von Düsseldorf und schon immer deutsches Kernland. Meine Mutter wurde mit dem Familiennamen ihrer Mutter geboren, da der Vater, den sie nie kennenlernte, den seinen mit sich nahm, als er das Schiff in die Neue Welt bestieg.


Bernstein ist das deutsche Wort für „Amber“ und bedeutet „ der Stein der leuchtet“. Jene blutrot leuchtenden Kugeln brennen ein Loch in die Tasche meines Unterbewusstseins/Verstands und meine Geschichte und von ihrer Oberfläche aus ergießt sie sich nach außen.

Ich nahm den Nachnamen meiner Mutter an als sie Anfang der 1990er-Jahre an Magenkrebs starb, nach einem - wie sie in ihren letzten Monaten oft sagte - Leben voller Beherrschung und ständiger Zurückhaltung, was sich schließlich in einer Krankheit manifestierte, welche sie dazu veranlasste die Wahrheit hervorzubringen, wachsend in ihrer Verzweiflung und mit stetiger Regelmäßigkeit. Ich nahm den Namen meiner Mutter vor allem an um Ihr Andenken zu bewahren und um all jener Lichter zu gedenken, die für immer verloschen.

Elektron

Der am häufigsten vorkommende Bernstein in Westeuropa kommt aus den Staaten entlang der Ostseeküste, insbesondere Polen, Russland, Deutschland, Dänemark und Litauen. Er entstammt einem Vorkommen genannt Blaue Erde, welches sich unterhalb der Wasseroberfläche weit in die Ostsee ausbreitet. Immer wieder reißen Stürme den Bernstein, der zur Zeit des Späten bis Frühen Oligozäns vor ca. 30 Mio. Jahren entstand, aus diesem Bett heraus und spülen diesen an die Küste. Gelegentlich werden nach einem Sturm Stücke dieses Bernsteins bis an die Küsten Englands und ihrer Grafschaften East Anglia, Kent oder Yorkshire gespült

Die Bernsteinkugeln meiner Mutter verfolgen diese Route zurück: von den Küsten des Baltikums auf ihrem Weg per Zug und Schiff und mitten hinein in die Stürme der Zeit, fest umklammert von ihren kleinen, furchterfüllten Kinderhänden.

Wird Bernstein an Wolle gerieben, lädt sich dieser mit statischer Elektrizität auf. Aufgrund dieser bemerkenswerten Eigenschaft bezeichneten die Griechen die Substanz auch als elektron.

Mit gefällt der Gedanke, wie die Bernsteinkugeln meiner Mutter eine schwache eigene Ladung erzeugten: Wie die Elektrizität der Geschichte über Generationen hinweg einen Lichtbogen spannt - vom einen zum anderen, von der Vernichtung zur Erneuerung, vom Verlust zu ewigem Gedenken. Davon haben wir es ein ums andere Mal, zwischen der Suppe und den Kartoffeln, wie mein Großonkel Isy stets zu sagen pflegte.